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Wenn Kinder straucheln – und warum genau dann Wachstum beginnt

  • 25. März
  • 3 Min. Lesezeit

Dez. 05, 2025

„Wenn Kinder straucheln – und warum genau dann Wachstum beginnt“


Es gibt diese Momente im schulischen Alltag, in denen ein Kind scheinbar „scheitert“: Eine Aufgabe wird zu schnell abgegeben, ein Streit eskaliert, Tränen fliessen oder ein Kind zieht sich innerlich zurück.Für viele Erwachsene wirkt es wie ein Rückschritt.

Für mich – als Heilpädagogin, Lehrerin und Mutter – sind diese Situationen heute etwas völlig anderes: ein Hinweis auf eine innere Schwelle, an der Entwicklung beginnt.


🔸 Was die Forschung dazu sagt

In der aktuellen Fachliteratur wird zunehmend betont, dass Fehlerräume, Emotionsregulation und Selbstwirksamkeit eng miteinander verknüpft sind (Dweck, 2006, 2017; Bandura, 1997).

Die Entwicklungspsychologin Carol Dweck zeigt in ihren Arbeiten zum Growth Mindset, dass Kinder wachsen, wenn sie erleben dürfen:

„Ich darf Fehler machen – und ich kann lernen, wie ich weiterkomme.“(Dweck, 2006)

Auch Hüther, Roth und weitere Neurowissenschaftler beschreiben, dass das kindliche Gehirn besonders dann aktiv Verbindungen stärkt, wenn ein Kind herausgefordert wird, ohne überfordert zu sein – genau an dieser Schwelle entsteht Entwicklung (Hüther & Gaus, 2018; Roth, 2016).

Die Grundlagen der Co-Regulation und emotionalen Sicherheit werden ebenfalls eindrücklich belegt:Beziehung ist ein primärer Entwicklungsfaktor, kein „Nice-to-have“ (Porges, 2011; Siegel, 2012; Bowlby, 1988).



🔸 Die Praxis sieht oft anders aus

Im Alltag stehen wir als Lehrpersonen oft unter Zeitdruck.Im Klassenzimmer mit 20 Kindern und unterschiedlichen Bedürfnissen ist es nicht immer möglich, den idealen Raum zu schaffen.

Dann passiert es schnell, dass ein Kind Fehler für „Versagen“ hält oder Erwachsene vorschnell reagieren, weil es praktisch erscheint.

Ich kenne diese Situationen gut.Und ich kenne die Blicke der Kinder, die mich jeden Tag daran erinnern, worauf es wirklich ankommt:

👉 Beziehung vor Leistung.👉 Sicherheit vor Tempo.👉 Vertrauen vor Korrektur.

Diese Prioritäten sind nicht „pädagogische Nettigkeiten“, sondern neurobiologisch fundiert (Siegel & Bryson, 2011).

🔸 Meine Erfahrung: Kinder zeigen uns immer etwas – wenn wir hinschauen

Ein Kind, das zu schnell arbeitet → braucht nicht weniger Anforderungen, sondern authentische Anerkennung und Aufgaben, die es wirklich herausfordern.

Ein Kind, das wütend wird → braucht nicht ein „Stopp, so geht das nicht“, sondern Co-Regulation.Eine erwachsene Person, die ruhig bleibt und Halt gibt (Porges, 2011).

Ein Kind, das sich zurückzieht → braucht Raum, um wieder aufzutauchen.Nicht Druck, wieder zu funktionieren.

Im Wald, am Basteltisch, im Klassenzimmer, bei Matheförderung oder im Coaching – in jedem Setting zeigt mir ein Kind:

„Ich verhalte mich nicht gegen dich. Ich verhalte mich FÜR mich.“Für Schutz. Für Orientierung. Für Verbindung.

Diese Erkenntnis verändert alles.

🔸 Was wir Erwachsenen daraus mitnehmen dürfen

Kinder brauchen echte Beziehungsangebote, keine schnellen Lösungen (Bowlby, 1988; Ainsworth, 1979).

Sie brauchen Vorhersagbarkeit, nicht Perfektion.Regelmässigkeit ist entwicklungspsychologisch wirksamer als Perfektionismus.

Sie lernen am stärksten, wenn sie erleben:

„Ich bin gemeint. Ich werde verstanden. Ich darf meinen Weg gehen.“

Es ist eine Illusion, dass Entwicklung linear verläuft.Als Mutter erlebe ich das genauso wie als Lehrerin:Die schwierigsten Tage sind oft die, an denen im Inneren etwas Neues entsteht.

Vielleicht ist das die wichtigste Erinnerung, die wir Kindern (und uns selbst) schenken können:

👉 Wachstum fühlt sich selten leicht an – aber es lohnt sich immer.



📚 Literatur


Ainsworth, M. (1979). Infant–mother attachment. American Psychologist, 34(10), 932–937.Bandura, A. (1997). Self-efficacy: The exercise of control. Freeman.Bowlby, J. (1988). A secure base: Parent-child attachment and healthy human development. Basic Books.Dweck, C. S. (2006). Mindset: The new psychology of success. Random House.Dweck, C. S. (2017). Self-theories (2nd ed.). Psychology Press.Hüther, G., & Gaus, E. (2018). Jedes Kind ist hoch begabt. Beltz.Hüther, G. (2016). Mit Freude lernen – ein Leben lang. Beltz.Porges, S. W. (2011). The polyvagal theory. Norton.Roth, G. (2016). Warum sind wir so wie wir sind? Klett-Cotta.Siegel, D. J. (2012). The developing mind (2nd ed.). Guilford Press.Siegel, D. J., & Bryson, T. P. (2011). The whole-brain child. Delacorte.

 
 
 

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